Auch das Leben ist ein Kunstwerk
Als Auftaktveranstaltung im Programm 2011 der Künstlergruppe Delta K referiert die Ärztin und Kunsttherapeutin Dr. Petra Keller am Freitag, dem 21. Januar 2011 ab 20:00 Uhr, in den Räumen der Klavierschule von Andreas Müller-Oesterling in Walsrode zum Thema Biographiearbeit.
Unter dem Titel „Auch das Leben ist ein Kunstwerk“ stellt die Referentin eine Methode vor, mit der es gelingen kann, den eigenen Lebensentwurf mit seinen Rhythmen, Hindernissen, Kränkungen, aber auch mit seinen Ressourcen und verborgenenen Fähigkeiten in einem neuen Licht, quasi wie ein Kunstwerk zu betrachten und sich selbst als Künstler dieses „Lebenswerkes“ zu begreifen. Anhand vieler Beispiele und der Darstellung einiger zentraler Übungen werden die Zuschauer zum „kreativen Mitdenken“ angeregt. Im Anschluss an den Vortrag sind auch Fragen herzlich willkommen. Die Veranstaltung wird begleitet und belebt durch den Lyriker Thomas Bartsch und die Rezitatorin Ulrike Bartsch.
Damit setzt die Gruppe Delta K einen weiteren Akzent in ihrem Bestreben, die Fülle künstlerischen Wirkens und ihre Verdichtung durch das Zusammenspiel verschiedener Kunstrichtungen erlebbar zu machen. Mehr >>
Laufende Kunst
Ausstellungen
mit Werken von:
Petra Keller, Dagmar Tille,
Michaela Kanz und
Lutz Wiedemann
Presse
Pressemeldung
vom August 2010
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Eine Nachlese vergangener Veranstaltungen von Delta K
Wendezeit von HP Danzig
Am 8. und 9. Oktober konnten die Besucher von Delta K in der Klavierschule an der Frauenwiese unter dem Titel Wendezeit einige der Gemälde des Künstlers HP Danzig sehen. Die Ausstellung schloss thematisch locker an die vorangegangene Musik- und Lyrik-Veranstaltung an, die im Zeichen von Wandel und Verwandlung stand. Der Maler HP Danzig war der Einladung von Delta K, mit seinen Bildern das Thema auch visuell zu variieren, gerne gefolgt und hat eine sehenswerte Ausstellung zusammengestellt.
Der Titel Wendezeit steht für den immerwährenden Wandel des Lebens, für das Werden und Vergehen und für jede individuelle Lebensgeschichte, die von Auf– und Niedergängen, von Entstehen, Veränderung und Vergehen geprägt ist.
HP Danzig hat seine Geburtsstadt Danzig zum Bestandteil seines Namens gemacht. Schon während seiner Schulzeit beschäftigte er sich mit der Malerei, die fortan eine große Rolle in seinem Leben spielen sollte. Neben verschiedenen Lehrtätigkeiten in Sachen Malerei, wie z. B: als Dozent an der pädagogischen Hochschule für Kunsterziehung in Heidelberg, war und ist das Malen für ihn selbst ein Weg, Erlebtes und Erfahrenes in Bildern zum Ausdruck zu bringen.
Nach einer längeren Schaffenspause begann er vor einigen Jahren wieder viel zu malen. Es folgten Ausstellungen in der Heidekreis-Region und in Berlin, die ihn zu immer neuen Arbeiten motivierten, deren Gestaltung sich nicht auf eine Stilrichtung reduzieren lässt. So waren auch die Exponate bei Delta K hinsichtlich Farbigkeit, Inhalt und Malweise erfrischend vielseitig und zeigten ein versöhnliches Nebeneinander von dunklen Farbnuancen, Braun- und Rottönen aus verfärbten Pflanzenteilen im Bild Vergänglichkeit einerseits und fast spielerisch gearbeiteten Bildern blühender und Früchte tragender Pflanzen andererseits.
Wieder ganz anders und kleinformatiger das Selbstbildnis als Clown, dessen Farben intensiv, kräftig aufgetragen und kontrastreich sind. Die Fröhlichkeit wirkt hier nur als Oberfläche, gleich einer Maske, die das Eigentliche verbirgt. Ähnlich in Struktur, Farbwahl und Größe ist das Karussell – ein Sinnbild des ewigen Kreislaufs, das ebenfalls für das Bunte und die Vielfalt von Lebenswegen steht. Und letztlich wirken Schönheit, Erhabenheit und Leichtigkeit als wichtige Ausdrucksträger nach einem langen Lebensweg, dessen dunkle Seite aus Kriegszeit, Krankheit und Verlust in dem Bild Der lange Weg zu sehen ist.
Dieses Werden und Vergehen, das in den Bildern der Ausstellung Wendezeit aufscheint, reflektierten auch die Gedichte von Eduard Mörike, Hermann Hesse, Conrad Ferdinand Meyer, Gottfried Keller und Thomas Bartsch, die Ulrike und Thomas Bartsch zur Vernissage ausgewählt und rezitiert haben.
In seiner Stückauswahl von Bildern und Lyrik inspiriert, trug Andreas Oesterling am Klavier mit dem Prélude La fille aux cheveux de lin sowie dem Stück Mouvement der Images von Claude Débussy gewohnt virtuos zu diesem gelungenen Nachmittag bei. Im Zusammenwirken von Malerei, Lyrik und Musik wurde einmal mehr das auf Aristoteles zurückgehende Credo der Kulturinitiative Delta K erlebbar: Das Ganze ist mehr, als die Summe seiner Teile.
Spanische Verwandlung
Am 2. Oktober 2011 erwartete die Besucher bei Delta K eine musikalisch-lyrische Reise durch die Geschichte Spaniens.
Auf dem Programm standen spanische und spanisch beeinflusste Werke aus vier Jahrhunderten.
Erwin Dettmer eröffnete den musikalischen Teil mit einem Stück für Renaissance-Gitarre und einem für Barock-Gitarre, die er auf der Gitarre zu Gehör brachte, und überzeugte dabei das Publikum von Anfang an. Mit den kontrapunktisch kunstvoll verwobenen Melodiestimmen der Fantasia no. 6 von Miguel de Fuenllana entführte er die Zuhörer musikalisch ins Spanien des 16. Jahrhunderts. Ein Jahrhundert später hatte die Entwicklung hin zur modernen Gitarre einen weiteren Schritt getan. Erwin Dettmer hat mit dem in dieser Zeit entstandenen Canarios von Gaspar Sanz ein Stück ausgewählt und gekonnt dargeboten, das die Entwicklung des Instruments genauso illustriert wie die des musikalischen Zeitgeists: ein temperamentvoller Tanz, der melodiegeprägte gezupfte Passagen durch akkordbetontere geschlagene verbindet.
Einen musikalischen Zeitsprung ins späte 19. Jahrhundert vollzogen Erwin Dettmer und Andreas Oesterling dann, indem sie zwei bekannte Stücke des spanischen Komponisten Isaac Albéniz jeweils in einer Klavier- und Gitarrenfassung, von beiden jeweils virtuos gespielt, nebeneinander stellten: Granada und Asturias aus der Suite española. Wie bereits beim Stück von Gaspar Sanz, wurden die Besonderheiten spanischer Musik dem begeisterten Publikum hier besonders eindrücklich zu Gehör gebracht.
Nach einer Pause nahm Andreas Oesterling die Spanienreise im Barock wieder auf: mit einem brillanten Vortrag einer der Cembalosonaten von Domenico Scarlatti, der zwar Italiener war, aber lange Zeit am spanischen Hof verbrachte.
Bei Introduktion und Fandango von Luigi Boccherini - ein weiterer Italiener am spanischen Hof - in einer Fassung für Klavier und Gitarre setzten Dettmer und Oesterling den Abend dann musikalisch gemeinsam sehr heiter und (trotz „falscher“ Nationalität des Komponisten“) auch sehr spanisch fort. Der Fandango als Vorläufer bzw. Spielart des wohl bekanntesten spanischen Tanzes, des Flamencos, leitete zum Stück über, das den Abend musikalisch beschließen sollte. Die Reise ging in die fast Jetztzeit: Die beiden Musiker trugen im Duo ein Flamenco-Jazz-Stück vor, nämlich Spain von Chick Corea. Die professionelle Musikalität und immense Spielfreude von Andreas Oesterling am Klavier und Erwin Dettmer an der Gitarre waren für die Zuhörer wie bereits bei den vorhergehenden Stücken ein besonderer Genuss, so dass die Musiker nach anhaltendem Applaus noch ein weiteres Stück Chick Coreas als Zugabe spielten.
Dieser gelungene musikalische Teil des Programms korrespondierte intensiv und harmonisch mit der von Dagmar Tille ausgewählten spanischen Lyrik. Die Reise durch die Jahrhunderte wurde hier aufgegriffen, und der Hörer konnte mit Texten von Luis de Góngora und Francisco de Quevedo (beide lebten in der Zeit des 16ten Jahrhunderts) die wunderbar melodische Sprache Spaniens genießen, denn Dagmar Tille trug die in Sonettform geschriebenen Gedichte erst jeweils in der Originalsprache vor und brachte dann sprachlich sehr gelungene und zum Teil eigene Übertragungen ins Deutsche zu Gehör. Es folgte der Sprung ins 19te Jahrhundert zu einem Gedicht von Antonio Machado, der neben den symbolträchtigen Bildern ganz besonders den „musikalischen“ Klang der Sprache einsetzte.
Die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Motiven Erinnern, Vergänglichkeit wie auch dem Fortbestand des Gewesenen wurde hier durch zwei Übertragungen dem Publikum nahegebracht. Dagmar Tille rezitierte ihre Bearbeitung des Textes und Thomas Bartsch trug seine Version vor, die in Kooperation mit Frau Tille entstanden war. In diesem Nebeneinander von Originaltext und verschiedenen deutschsprachigen Interpretationen wurde die Fülle der Möglichkeiten des Verständnisses und der Bearbeitung lyrischer Texte erlebbar.
Mit Luis Cernudas Gedicht „Die Nachtigall auf dem Stein“ war neben der Musik auch die Lyrik im 20ten Jahrhundert angekommen. Es ist ein Blick aus dem Exil auf die Schönheit Spaniens und die von Cernuda damit verbundenen Ideale; ein gewaltiger und doch sehr persönlicher wie berührender Text, den Thomas Bartsch einfühlsam rezitierte.
Im gesamten Programm ergänzten sich die verschiedenen Facetten der Darbietung: Gitarre und Klavier in jeweils solistischem wie auch dialogischem Vortrag, Musik und Lyrik, spanische und deutsche Sprache, weibliche und männliche Stimme.
Eine Vielfalt als gelungenes Ganzes! Ein Miteinander aller künstlerisch Aktiven, deren Begeisterung auf das Publikum übersprang.
Die fortlaufende Ausstellung von Lutz Wiedemann bedeutete an diesem Tag über ihre eigenständige Aussage hinaus einen abgestimmten und ausdrucksstarken Beitrag der bildenden Kunst zum Gemeinschaftsprojekt Delta K.
Ulrike Bartsch & Lutz Wiedemann
Objektkunst Ausstellung von Lutz Wiedemann
Am 3. September eröffnete Lutz Wiedemann seine Ausstellung mit Objekt-Kunst. Nach einer erläuternden Einführungsrede von Dagmar Tille, in der sie den Vernissage-Besuchern die Herangehensweise des Künstlers erläuterte aber auch Hinweise zur Entschlüsselung der größeren Objektbilder und kleinformatigen hierObjektkästen Wiedemanns gab, schuf Erwin Dettmer mit der Gitarre, auf der er Etüden des kubanischen Komponisten Leo Brouwer zu Gehör brachte, klanglich einen Wahrnehmungsraum, in dem die Kunstinteressierten sich den Arbeiten Wiedemanns noch einmal mit neuen Assoziationen und unter verändertem Blickwinkel nähern konnten.
So schien es fast, als ob die bunten, in zarten Wellen zusammengestellten Lockenwickler des Objektbilds „und ewig lockt die Locke“ mit den virtuos dargebrachten Melodiebögen in Bewegung gerieten oder die flaumige Feder, die eingebettet in der luftigen Papier-Komposition des Objektkastens „Dormitorio“ ruht, getragen von heiteren Tönen noch an Gewicht verlöre und zu schweben begänne.
Tags darauf stand Lutz Wiedemann dann Interessierten für ein Künstlergespräch zur Verfügung – eine Gelegenheit, die einige Besucher zum intensiven Gespräch nutzten.
Edvard Munch – ein Vortrag von Michaela Kanz
Am 10. Juni 2011 folgten Kunstinteressierte aus unserer Region der Einladung von Michaela Kanz, mehr über das Leben und Werk von Edvard Munch zu erfahren.
Eindrücklich schilderte Frau Kanz in ihrem Vortrag die Verschränkung von persönlicher und künstlerischer Entwicklung von Edvard Munch: Eine von schweren Verlusten und Krankheit geprägte Kindheit und eigene psychische Probleme waren für den norwegischen Maler einerseits leidvolle Erfahrung, aber auch die Triebfeder seines künstlerischen Schaffens. Mit den Bildern Munchs brach sich, begleitet von heute nur noch schwer nachvollziehbaren Skandalen, ein verändertes Kunstverständnis Bahn, das nicht auf getreue Abbildung sondern auf das Sichtbarmachen inneren Erlebens setzte.
Frau Kanz verstand es in ihrem Vortrag, den künstlerischen Werdegang Munchs, die Veränderungen und Konstanten seiner Motivwahl und seines Stils immer wieder mit den prägenden Ereignissen im Lebenslauf des Malers zu verknüpfen und dabei gleichzeitig die immense kunstgeschichtliche Bedeutung Munchs für die Moderne herauszuarbeiten.
Dagmar Tille
sichtbar machen – eine Ausstellung mit Arbeiten von Jens Hemme
Kunstinteressierte und Künstler folgten am 29. Mai 2011 der Einladung des Winsener Künstlers Jens Hemme zur Vernissage seiner Ausstellung „sichtbar machen“, die in der Klavierschule von Andreas Müller-Oesterling in Walsrode stattfand.
In seiner Ausstellung zeigt Hemme Reliefs, Malerei und skulpturelle Objekte, die in den vergangen Jahren entstanden sind.
Die Malerin und Fotografin Dagmar Tille hielt eine Rede zur Einführung, in der sie kurz auf einen programmatischen Zusammenhang mit dem Vortrag von Michaela Kanz über Edvard Munch vom 10. Juni und damit auf ein zentrales Thema hinwies, das für die Arbeiten Hemmes charakteristisch ist: Das Aufscheinen existenzphilosophischer Fragen in der Kunst.
Jens Hemme beschäftigt sich mit Werden, Entstehen aber auch mit Endlichkeit. Er versteht Kunst, wie er selbst sagt, als die Auseinandersetzung des Menschen mit der umgebenden Wirklichkeit und mit existentiellen Fragen. Beim Betrachten seiner Figurationen werden diese Fragen unmittelbar gegenwärtig. Doch auch wenn Hemmes Arbeiten, wie D. Tille in ihrer Rede ausführte, die Geworfenheit des Menschen ins Dasein oder die Verurteilung zur Einsamkeit vor dem Tode thematisierten, wirkten die Bilder nicht düster oder morbid. Denn das Bewusstsein der eigenen Endlichkeit sei etwas, das uns alle verbinde und paradoxerweise also Urteil und Lösung zugleich sei.
In den gezeigten Arbeiten bezieht Hemme diese Fragen auf die Jetztzeit. Er stellt sie noch einmal neu, indem er die Zerissenheit und das Gefühl der Vereinsamung in einer globalisierten Welt aber auch den Gegensatz zwischen Gleichgültigkeit und Verantwortung thematisiert. Seine Arbeitsweise bildet dabei eine handfesten Gegenpol zu den philosophischen Themen: Meist wählt er als Bildgrund gefundene Holzplatten, Bohlen oder ähnliches, die wie er sagt, bereits eine Geschichte mit einbrächten und bearbeitet sie – beschränkt sich also nicht auf den Farbauftrag.
Die Vernissage-Gäste setzten sich teilweise sehr intensiv mit den Arbeiten Hemmes auseinander, so dass sich ein reger Austausch entwickelte.
Rauscht die Erde wie in Träumen
Die durchdachte Vielseitigkeit der Darbietungen, die das Programm dieses Nachmittags bestimmte, wusste das Publikum in seinen Bann zu ziehen. Der Prolog, eine humorvolle Inszenierung einer Begegnung zwischen Goethe, Eichendorff und Novalis, führte dem Publikum mit leichter Hand inhaltliche Divergenzen zwischen Klassik und dem Thema der Veranstaltung, der deutschen Romantik, vor Augen.
Die Gedichte, vorgetragen von Ulrike Bartsch, spannen einen weiten Bogen über Themen romantischer Poesie. Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort - dieses Credo der Romantik wird der Zuhörer gewahr in den Gedichten, die die Erscheinungen der Natur in ihrer traumhaft-mystischen und metaphorischen Bedeutung thematisieren. Diese Gedichte bestimmen den ersten Teil. Aber schon hier klingt ein weiteres Motiv an - von Ulrike Bartsch mit nuancierter Stimmführung und mimisch verstärkt rezitiert: das Motiv der Stimmung und deren Brechung durch schmerzliche Ironie, wie sie Heinrich Heine so meisterhaft zu gestalten weiß, um bei aller Trauer doch ein Lachen zu provozieren. Tiefe Einsamkeit, Trauer um den Verlust der Einheit von Mensch und Natur, das Bewusstsein der Abhängigkeit des Menschen von den Erscheinungen der Natur kennzeichnen die Gedichte des folgenden Teils. In den Verszeilen Die Mauern stehen sprachlos und kalt, im Winde klirren die Fahnen aus Hölderlins Gedicht Hälfte des Lebens findet dieses Daseinsgefühl eine zeitenüberdauernde Tiefe der Aussage, die auch widergespiegelt wird in der laufenden Ausstellung von Dagmar Tille, deren "Passanten" zum Teil ebenfalls in einer melancholisch gefärbten Ambivalenzspannung ihren Weg in der Bildtiefe, im perspektivisch und naturhaft symbolisierten Innenraum suchen und andererseits mit einem Verlust an elementarer Naturverbundenheit in einer urban-technischen Vielfalt und Kälte konfrontiert sind.
Die hohe Kunst des Gedicht-Arrangements beweisen die Veranstalter, indem nun also gleich ein Kontrapunkt gesetzt wird durch die Welt verschollener Sagen und uralter Märchen, wie sie Heinrich Heine in Abenddämmerung benennt und wie wir sie in Urfassungen aus des Knaben Wunderhorn wie Das bucklige Männlein finden. Eben diese alten Märchen erwachen zum Leben durch das warme Stimmtimbre, umspielt durch Mimik und Augensprache, mit dem Ulrike Bartsch diese Märchen gekonnt zum Vortrag bringt, ja sie inszeniert. Die uralte heimelige Atmosphäre des Märchenerzählens, die Schwingung entstehen lässt zwischen Vortragenden und Zuhörern, wird noch intensiviert mittels der musikalischen Untermalung dieser Texte durch Andreas Müller-Oesterling. Die Wellen, die die Königskinder verschlingen, werden im Hören fühlbar. Die Musikbeiträge sind thematisch eng verwoben mit der vorgetragenen Dichtung der Romantik.
Dem Pianisten Andreas Müller-Oesterling gelang es mit den ersten Akkordzerlegungen des von ihm gewählten Eingangswerkes, Nocturne op.32,2 von Frederic Chopin, das Publikum in die Welt der romantischen Musik zu entführen. Mit großer Hingabe gestaltete Müller-Oesterling die Melodiebögen und erzeugte durch eine gekonnte Dynamik in seinem Spiel eine äußerst spannungsreiche Interpretation.
Beim Vortrag der Romanze As-Dur op.11,3 von Clara Schumann war der Zuhörer geneigt, sich zu wiegen; so beschwingt, tänzerisch ließ Müller-Oesterling die Finger über die Tasten gleiten.
Eine ganz andere, eher düstere Stimmung, die im zweiten Drittel des Werkes in einem furiosen Höhepunkt mündete, erreichte der Pianist mit dem Spiel des Intermezzo in Es-Moll von Johannes Brahms.
Mit der Interpretation der Etüde "Gnomenreigen" von Franz List zeigte der Künstler, dass sein Klavierspiel erst wie tröpfelnder Regen und anschließend wie ein Gewittersturm klingen kann. Herrlich perlende Läufe und hüpfende Akkorde ließen die Zuhörer staunen.
Beim abschließenden "Finale aus dem Faschingsschwank aus Wien" von Robert Schumann überzeugte Müller-Oesterling mit einem Fest an Virtuosität und Ausdruckskraft, für das sich das Publikum mit anhaltendem Applaus bedankte.
So wird an diesem Nachmittag im Wechselspiel von Musik und Poesie Weltinnenraum, das Reich der blauen Blume entdeckt. Für eine kurze Zeitspanne, in einem engen Kreis scheint die Suche nach dem Zauberwort geglückt zu sein. Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort, und die Welt hebt an zu singen...
Barbara Rodt - Erwin Dettmer
"Passanten" Malerei von Dagmar Tille 05.03. - 03.04.2011
Kunstinteressierte und Künstler folgten am 5.3.2011 der Einladung der Hodenhagener Malerin und Fotografin Dagmar Tille zu ihrer Vernissage mit dem Titel „Passanten“, die in der Klavierschule von Andreas Oesterling in Walsrode stattfand.
Die Künstlerin zeigt in ihrer Ausstellung in den letzten beiden Jahren entstandene Bilder von flanierenden wie auch vorübereilenden Menschen in meistenteils urbaner Umgebung.
Nach einführenden Worten der Malerin Michaela Kanz und – im Anschluss – von Frau Tille kam es mit und zwischen den Gästen, die sich recht intensiv mit den Arbeiten auseinandersetzten, zu anregenden und auch tiefer gehenden Gesprächen.
Die Atmosphäre im Raum erfuhr dabei eine besondere Akzentuierung durch die Klang-Collagen des Bildhauers Lutz Wiedemann, der es verstand, mit einer unkonventionellen Komposition aus bizarren natürlichen wie auch technischen Geräuschen und Tonfolgen eine Spannung zu erzeugen, die aufmerken ließ, zum Teil gezielt irritierte und zugleich einfühlsam mit den ausgestellten Bildern korrespondierte.
Wie wirkten die Bilder auf die Gäste? Welche Eindrücke gewannen sie, welche Gedanken, Assoziationen und Deutungsversuche wurden angeregt?
Mit dieser Nachlese möchte ich versuchen, meinen eigenen Zugang und die mir wesentlich erscheinenden Aussagen, die ich den Diskussionen entnehmen konnte, aus subjektiver Perspektive und in zum Teil exemplarischer Ich-Form wiederzugeben:
Der Passant schaut und bewegt sich in sein Bild hinein; als meist nachblickender Betrachter weiß ich nicht, mit welcher Wahrnehmung, welchen Gedanken und welchem Ziel er seinen Weg nimmt. Ich folge ihm – aber bin ich wirklich auf seinem Weg, oder folge ich eigenen Motiven, Intentionen? Suche ich in meiner Projektion eigene Ziele zu erreichen, ist es die Sehnsucht nach vertrauten oder neuen Horizonten meines Selbst, oder befinde ich mich auf der Straße, dem Weg des Fremden, Nicht-Eigenen? Bin ich im Erfahrungsraum eines Bildes, das über mein Assoziationsvermögen, über die Quellen und Grenzen eigener Vorstellungen und Phantasien hinausweist? Bin ich Begleiter des Passanten, oder ist der Passant ein Begleiter meines Ichs aus meinem Blickwinkel? Ich kann ihn nicht fragen; aber indem ich mich auf das ursprünglich mir Fremde einlasse, bin ich ein Teil des Bildes und Weges des Passanten, ein bewegter und sich bewegender Teil seiner Erfahrungsoptionen und -inhalte.
Ich betrachte den Passanten nicht im Vorübergehen, sondern betrete ohne sein Wissen seine Welt mit meiner, und dies keineswegs in voyeuristischer Absicht, sondern vor allem und letztlich im Wunsch nach Begegnung.
Dagmar Tilles Bilder sind eine Einladung an den Betrachter, den selbstreflexiven Wahrnehmungsraum zu erweitern; folgt er dieser Anregung, begibt er sich über die beobachtende Hinwendung an ein Du, das um diese „Begegnung“ nicht weiß, in ein Spannungsfeld, das sich zwischen Natur und Kultur, Verwurzelung und Geworfensein, Entbindung und neuen Bindungsmöglichkeiten wie auch Müßiggang und alltäglicher Zielorientierung erstreckt. Der Betrachter begegnet einerseits der Vertrautheit eines flimmernden oder homogenen Grüns von Bäumen, Sträuchern und Wiesen, andererseits setzt er seinen Fuß in eine mehrschichtige, von Grautönen, Schildern, Technik und Arbeitsgeräten geprägte städtische Funktionalität und auch Freiheit, welche die Enge und regressive Tendenzen jeder Pseudoidylle ausschließt. Diese Bipolarität, das unvermittelte Nebeneinander einer an Geborgenheitserfahrungen erinnernden Natur und der primär zweckgerichteten Getriebenheit bzw. Anonymität des Stadtlebens fordert den Betrachter heraus, sich mit den Perspektiven der „Passanten“, seinen eigenen Projektionen und Ambivalenzen auseinanderzusetzen.
Delta K dankt dem Publikum für den anregenden Austausch und die Ermutigung zu weiteren künstlerischen Veranstaltungen.
Thomas Bartsch
"Lotte - ein Frauenleben"
„Eine Henne, die da krähet, und ein Weib, das gelehrt ist, sind üble Vorboten:
Man schneide beiden den Hals ab!“
Johann Gottfried Herder an seine Braut Caroline Flachsland. Straßburg, den 20. September 1770
Am 27.2.2011 referierte die promovierte Germanistin Barbara Rodt zum Thema "Lotte - ein Frauenleben".
Wie beim vorangegangenen Vortrag von Frau Dr. Petra Keller war der Veranstaltungsraum in der Klavierschule von Andreas Oesterling bis auf den letzten Platz gefüllt. Offenkundig fand das Thema dieses Nachmittags großes Interesse. Das Leben der Realperson Charlotte Buff, deren ambivalente Beziehung zu Goethe wie auch zu ihrem Ehemann, Christian Kestner, und schließlich die Fiktionalisierung dieser an geradezu restriktive Konventionen und Rollenzuweisungen gebundenen Frau in Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“ vermochten das aufmerksam zuhörende Publikum sukzessive in ihren Bann zu ziehen und auch, wie mehreren späteren Rückmeldungen zu entnehmen war, durchaus zu begeistern. Dazu trugen der sachlich-wissenschaftliche, von fundierter Kenntnis zeugende und zugleich kritisch engagierte Vortragsstil von Frau Dr. Barbara Rodt und auch Ulrike Bartsch bei, die mit geübter Stimme emotional schwingend und an einigen Textstellen gekonnt ironisierend Briefe Goethes an Kestner und Passagen aus dem Werther rezitierte.
Andreas Oesterling spielte, passend zum historischen Bezug und Sittengemälde der Zeit des jungen Goethe, zwei Klavierstücke von Fanny Hensel, der Schwester Felix Mendelssohns. Der kunstvolle musikalische Beitrag unterstrich, lockerte auf und lud zu kontemplativen Zwischenzeiten mit weichen Übergängen zur jeweiligen Fortsetzung des Vortrags ein.
Die Referentin bezog sich nicht allein auf individuelle biographische Daten, beschränkte sich auch nicht auf künstlerisch-literarische Aspekte eines berühmten monoperspektivischen Briefromans, sondern spannte einen Bogen vom Status der Rechtlosigkeit der Frauen im
19. Jahrhundert und das entsprechende Vorherrschen autoritär-patriarchalischer Strömungen jener Zeit über subtile Anmerkungen zur Egomanie Goethes bis hin zu psychoanalytischen und sozialkritischen Deutungen des literarischen Bildes von Werthers Lotte.
Die Erörterungen zum skizzierten historischen Kontext stellten mittelbar und implizit einen Bezug zur aktuellen gesellschaftlichen Situation der Frau in unserem Kulturkreis her.
Dabei klangen Themen an wie emanzipatorische Bewegungen und deren Widerpart, die Zerrissenheit weiblicher Orientierung zwischen traditioneller Rollengebundenheit und selbstbewussten Autonomiebestrebungen wie auch sexistische Ausprägungsformen männlich-narzisstischer Dominanz und damit einhergehende, politisch mitbedingte Ungerechtigkeiten.
Das Publikum reagierte mit spürbar wachsender Konzentration und schließlich dankendem Applaus. Im Anschluss an das Referat blieben viele Gäste, um angeregte Gedanken und Eindrücke nachklingen zu lassen, zu diskutieren und im Gespräch mit den anwesenden Künstlern von Delta K oder im stillen Innehalten die Exponate der fortlaufenden Ausstellung zu betrachten.
Referat von Petra Keller - 21.01.2011
"Auch das Leben ist ein Kunstwerk"
Der Veranstaltungsraum konnte kaum das überaus zahlreich erschienene Publikum fassen.
Es mussten Stühle hinzugestellt werden; einige Gäste bedienten sich eines Kissens, um wenigstens auf dem Boden Platz zu finden. „Demnächst müssen wir wohl anbauen“, scherzte Andreas Oesterling. Durch die Dichte im Raum und die fortlaufende Ausstellung der bildenden Künstler von Delta K entstand eine besonders intensive Atmosphäre.
Petra Keller referierte frei über definitorische Reflexionen, Grundannahmen und konkrete Anwendungsmöglichkeiten zum Thema „Biographiearbeit“. Dabei schöpfte sie aus ihrer langjährigen praktischen Erfahrung im Umgang mit dieser Methode, die neben ihrer Spezifität auch als Bindeglied zwischen psychotherapeutischen und künstlerischen Ansätzen bzw.
Anschauungen zu verstehen ist. Das Referat seinerseits war geprägt von Assoziationen, welche aus der lebendigen, zum Teil nonverbalen Zwiesprache mit dem Publikum entstanden und sich in ihrer themenzentrierten Detaillierung, Abstraktion und Bündelung zu einem eigenständigen Kunstwerk zusammenfügten. In einer Mischung aus spontaner Kreativität, Improvisation und einer Wiedergabe verinnerlichter strukturierter Inhalte folgte Petra Keller einem roten Faden, der dem Publikum eine inspirierende und Schritt für Schritt vertiefende Orientierung gab. Dabei wechselte die Referentin in fließenden Übergängen zwischen Erörterungen zu den Paradigmen der Biographiearbeit, alltäglichen veranschaulichenden Mikroszenen und wiederholten Einladungen des Publikums zu Imaginationen im Hinblick auf die jeweils eigene Historie, Aktualsituation und Zukunftsperspektive, wie zum Beispiel im Rahmen eines individuell determinierten Films. Das auf diese Weise zu einer aktiven Mitgestaltung angeregte Publikum nahm zu einem großen Teil nach dem Referat an einer von Petra Keller angebotenen Diskussion und Fragerunde teil.
Der Lyriker Thomas Bartsch und seine Frau, Ulrike Bartsch, rezitierten eine Auswahl aus seinen Lyrikbänden und auch Texte anderer Autoren, wie beispielsweise von Rilke und Novalis. Die ausgesuchten Gedichte und Zitate belebten, bereicherten und verdichteten das Referat und betonten zugleich das künstlerisch-interaktive Selbstverständnis der Gruppe „Delta K“, die sich nachhaltig über den unerwartet großen Zuspruch freut und sich mit dieser Nachlese ausdrücklich beim Publikum bedanken möchte.
Musikalisch-lyrischer Nachmittag fand großen Zuspruch
Trotz widriger Witterungsumstände hat die letzte Delta-K-Veranstaltung dieses Jahres am 5. Dezember regen Zuspruch gefunden. Dem zahlreich erschienenen Publikum präsentierten Andreas Müller-Oesterling (Klavier), Erwin und Paul Dettmer (Gitarre) vor voll belegten Reihen musikalische Leckerbissen von Klassik bis Jazz. Der Jahreszeit entsprechend beleuchtete Hartmut Global in seinen lyrischen Zwischenspielen unsere vorweihnachtlichen Bräuche mal hintersinnig mal kritisch.
In der Pause bot sich dem Publikum die Gelegenheit zum Gespräch bei Kaffee und Keksen, aber auch zum Betrachten der laufenden Ausstellung mit Arbeiten von Michaela Kanz, Dagmar Tille und Lutz Wiedemann.
Nachlese 5. September 2010
Jazz & Lyrik - Zwischenzeit
Am 5.9.2010 hieß es im Rahmen der fortlaufenden Veranstaltungsreihe der Kulturinitiative Delta K "Jazz trifft Lyrik". Nach der Einführung durch Lutz Wiedemann (Bildhauer und Objektkünstler) rezitierte der Lyriker Thomas Bartsch mit seiner Frau, Ulrike Bartsch, im Wechsel und dialogisch Gedichte aus seinen Lyrikbänden.
Der Rezitationsstil wie auch die thematische und stilistische Vielfalt der metaphorischen Texte rührten die Zuhörer an, ließen sie aufmerksam und interessiert mitschwingen bzw. nachdenklich innehalten.
Der Konzertpianist Andreas Müller-Oesterling begeisterte mit ausgesuchten, improvisatorisch gewürzten Eigenkompositionen und mit interpretierenden Untermalungen.
Es entwickelte sich ein intensiver Dialog zwischen Sprache, Musik, Künstlern und Zuhörern. Das Publikum dankte mit anhaltendem Applaus, positiven Rückmeldungen und regem Interesse an den auslegten Lyrikbänden des Autors.
In der Pause und nach dem Vortrag wurde die Gelegenheit genutzt, die ausgestellten Bilder und Skulpturen eingehend zu betrachten und sich mit den anwesenden bildenden Künstlern der Kulturinitiative Delta K auszutauschen. Auf diese Weise wurde der musikalisch-lyrische Vortrag nicht nur bereichert, sondern durch die bildende Kunst von Dagmar Tille, Lutz Wiedemann, Petra Keller und Michaela Kanz entsprechend dem Gemeinschaftsgedanken des neu gegründeten Künstlerkreises vertieft.


